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Foto: Jette Ackmann

von Jürgen Ackmann (Bersenbrücker Kreisblatt)

Eine Argentinierin in Berge

Sie wird in Deutschland erst einmal ihre eigenen Wege gehen: Maia Braese aus der argentinischen Stadt Esquel nahe den Anden. Derzeit lebt sie in Berge (Foto: Familie Braese).
 

Am Abend des 18. Dezember 2022 war Maia Braese nicht mehr zu bremsen. „I love Argentina“, rief die 17-Jährige fast außer sich. Lionel Messi und Co. hatten für ihr Heimatland die Fußball-Weltmeisterschaft gewonnen. Am nächsten Tag ging sie im Messi-Trikot zur IGS Fürstenau. Dort ist sie für ein Jahr Gastschülerin, lebt in Berge – und möchte in Deutschland bleiben.
Maia Braese lebt in der 40.000-Einwohner-Stadt Esquel in der Provinz Chubut (Patagonien) nahe den Anden. Im Juli und August liegt dort hoher Schnee, die Attraktion ist neben dem Nationalpark das Skizentrum La Hoya – 13 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt mit 24 Pisten in Höhen von 1300 bis 2100 Metern. Eine andere Welt als die norddeutsche Tiefebene – aber die gefällt Maia Braese auch; sogar gut.
Deutschland ist schon länger ihr Wunschziel. Ihr Urgroßvater stammt aus Köln und wanderte einst über Chile auf dem Rücken eines Esels über die Berge nach Argentinien ein. An ihre Vorfahren wird Maia Braese spätestens erinnert, wenn sie einen ihrer beiden Pässe in der Hand hält. Neben der argentinischen Staatsangehörigkeit besitzt sie auch die deutsche.

Nach Deutschland über Schüleraustausch

Deutschland war für Maia Braese allerdings immer weit weg. Genauer: einen Tag und 13 Stunden mit dem Flugzeug entfernt. Reisekosten: Locker 1000 Euro. Doch dann lernte die 17-Jährige in Esquel eine junge Französin kennen. Die hatte an einem Schüleraustauschprogramm von Rotary International teilgenommen. „Das muss ich auch machen“, sagte sich Braese. Da sie selbst in der Jugendorganisation von Rotary – Rotaract – aktiv ist, wollte sie die Gelegenheit nutzen, das Land ihrer Vorfahren kennenzulernen. 2020 sollte es losgehen. Das klappte nicht: Corona. 2021? Ebenfalls Fehlanzeige. Doch nun ist sie seit dem Sommer 2022 in Deutschland, hat sich Köln angeschaut – „Unglaublich voll“ –, hat Berge kennengelernt – „Hier gibt es alles: Pizzeria, Fitness-Studio und Aldi“ – und hat mit der IGS an einem Musikprojekt in Finnland teilgenommen.
Über diesen Ausflug hat sie sich besonders gefreut; nicht nur wegen der winterlichen Landschaft in Finnland, auch wegen des Musikprojektes. Sie selbst spielt Klavier, Gitarre und singt. Kürzlich hat sie in einem Tonstudio den Song „Back to you“ herausgebracht und bei Youtube veröffentlicht.

Vater betreibt kleine Schokoladenfabrik

Musikerin möchte sie aber nicht unbedingt werden, vielmehr Journalistin. Sie schreibe gerne, sei neugierig und frage alle Leute aus. Eine gute Voraussetzung für den Beruf. Ihre Eltern sind andere – teilweise süßere – Wege gegangen. Vater Federico Braese betreibt in Esquel eine Schokoladenfabrik mit 15 Mitarbeitern. Mutter Veronica Gento ist Englischlehrerin.
Und dann ist da noch ihre Schwester, Emma. Sie ist 15 Jahre alt und geht noch zur Schule – „Polimodal“ nennen sich die weiterführenden Schulen mit verschiedenen Schwerpunkten in Argentinien.
Eine weiterführende Schule hat auch Maia Braese besucht, musste allerdings zwischendurch zwei Jahre aussetzen und stattdessen privat Unterricht nehmen. Die Lehrer hatten angesichts der Bezahlung gestreikt. Die Gründe dafür sind vielschichtig – ein wichtiger: die Inflation. Die lag Ende 2022 in Argentinien bei fast 100 Prozent. Zwar wächst die Wirtschaft aktuell dank des Exportes von Rohstoffen und Nahrungsmitteln real um 4,4 Prozent.

Bremen oder Barcelona?

Doch sehr viele Argentinier leben heute an der Grenze zur Armut und können sich kaum das tägliche Essen leisten. Oft nicht mehr als zwei Euro die Stunde werde in vielen Betrieben gezahlt, berichtet Maia Braese. Auch ein Grund, warum die 17-Jährige, die im Januar 18 wird, gerne in Deutschland bleiben möchte: eine Ausbildung machen, Geld verdienenm, dann studieren. Das möchte sie – vielleicht in Spanien. In Barcelona lebt ihre Tante, auf Ibiza ihr Onkel. Vielleicht aber auch in Bremen – dort hat sie Freunde, die bereits in der Hansestadt leben und arbeiten. Es gibt viele Möglichkeiten.
Aber in Argentinien zu arbeiten, um Geld anzusparen? Wie lange bräuchte sie angesichts der Stundenlöhne, um sich einen Flug nach Deutschland oder Spanien leisten zu können? Die Antwort fällt leicht. Dann lieber erst einmal in Deutschland bleiben, denkt sich Maia Braese. Auch wenn der Abschied schwerfallen würde.
Mit dem neuen Land kommt sie gut klar, trotz einer Reihe von Unterschieden. Die Argentinier äßen wesentlich mehr Fleisch als die Deutschen – Stichwort „Asado“, ein Festmahl mit vielen Fleischsorten. Die Häuser im Osnabrücker Nordkreis seien schicker und hätten oft einen großen Garten. Die Schüler seien fokussierter auf den Unterricht.

Überrascht von Offenheit der Menschen

Was für Maia Brase aber besonders aufgefallen ist: Die Deutschen seien nicht so verschlossen, wie in Argentinien erzählt werde, auch wenn sie anfänglich an der IGS Schwierigkeiten gehabt habe, Kontakte zu knüpfen, sagt Maia Braese. Inzwischen habe sie viele Freunde gefunden und ist sogar mit den „Ümmekleiers“ abends durchs Dorf gezogen. Das sind junge Leute, die sich verkleiden und von Haus zu Haus gehen, um Süßigkeiten und mehr bei den Bewohnern zu ergattern – ohne erkannt zu werden.
Inzwischen spricht Maia Braese gut Deutsch. Keine Selbstverständlichkeit: Trotz ihrer deutschen Vorfahren hat sie bis zum Sommer 2022 kaum mehr als „Hallo“ sagen können, wie sie lachend zugibt. Das hat sich grundlegend geändert. Was bleibt: Sie muss noch ihre Schulabschlussprüfung in Argentinien ablegen. Darauf bereitet sich sich gerade via Online-Unterricht vor. Der überlastet im ländlichen Berge bisweilen das Internet.
Vielleicht noch dies: Als Maia Braese ihr „I love Argentina“ aus tiefer Seele rief, tat sie das vor dem Mikrofon eines Kamerateams von Radio Bremen. Es hatte die Südamerika-Community in der Stadt besucht. Zu der gehört die fast 18-Jährige inzwischen ganz selbstverständlich. Sympathisch, offen und unverstellt erzählt sie das alles. Ein bisschen Argentinien kann Deutschland nicht schaden.